Zurück aus dem Forschungssemester


Einsen und Nullen verändern die Welt.

Als ich im Jahr 1996 begann, an der Hochschule Stralsund Marketing zu lehren, besuchte mich ein Freund aus Frankfurt am Main. Er war von der Stadt Stralsund und ihrer Lage an der Ostsee begeistert. Im letzten Jahr besuchte er mich nach langer Zeit wieder in Stralsund. Es habe sich so viel verändert. Die Altstadt, der Hafen, die Einkaufsstrasse: vieles sei kaum wiederzuerkennen. Auch ich habe den Wandel bemerkt, allerdings als kontinuierlichen Prozess und daher mit geringerer Überwältigung als mein Freund. Das ist auch verständlich, weil ich täglich die baulichen Veränderungen wahrgenommen habe. Es ist so ähnlich wie mit Kindern: Verwandte, die ein Kind lange nicht gesehen haben, nehmen Veränderungen anders wahr als die Eltern („Du bist aber groß geworden!“).

Es ist an der Zeit, die Weichen neu zu stellen.

 

So ist es auch mit einem bahnbrechenden Prozess, der Gesellschaft, Wirtschaft und das Zusammenleben der Menschen nachhaltig verändert: der Digitalisierung. Wer sich ständig mit der Digitalisierung beschäftigt, wird weniger überrascht sein vom Wandel als jene, die - auch welchen Gründen auch immer - ein analoges Leben führen. Gerade für die so genannte Generation Z (Geburtenjahrgänge 1997 bis 2012), die auch als „Digital Natives“ bezeichnet wird, ist ein digitales Leben eine Selbstverständlichkeit. Filme und Musik werden direkt vom Smartphone konsumiert, man verabredet sich über Whats- App, teilt Urlaubserlebnisse auf Facebook und Instagram und bezahlt Einkäufe mit der Smartwatch. Nicht wenige Menschen dieser „iGeneration“ haben ein neues Be-

rufsbild entwickelt: das der Influencer (deutsch: Beeinflusser). Über soziale Medien wie Instagram, Snapchat oder Youtube verbreiten sie Inhalte zu Lebensstil, Tourismus und Reisen, Ernährung, Fit- ness, Technik und vielem mehr. Die Zahl derer, die ihren Beiträgen folgen, kann sechs- oder siebenstellige Werte erreichen. Mancher Influencer ist innerhalb seiner Zielgruppe bekannter als beliebte Tatort-Kommissare oder Bundesminister. Durch Werbeeinnahmen können erfolgreiche Influencer ein beachtliches jährliches Einkommen erzielen. Manch einer wird angesichts solcher Entwicklungen nur noch mit dem Kopf schütteln und glauben, die Welt nicht mehr zu verstehen.

 

Die wahren Gewinner der Digitalisierung sind aber die bekannten IT-Unternehmen aus den USA. Allein die vier so genannten „GAFA“-Unternehmen (Google, Apple, Facebook, Amazon) haben aktuell eine Marktkapitalisierung, die über dem Wert aller im DAX notierten deutschen Konzerne liegt. Das älteste der GAFA Unternehmen, Apple, ist dabei gerade einmal 44 Jahre alt. Die anderen Unternehmen existieren im Schnitt seit rund 20 Jahren. Diese jungen Unternehmen, die - bildlich gesprochen - gerade einmal aus dem Teenager-Alter heraus sind - haben die Welt mit ihren Geschäftsmodellen und Innovationen in vielerlei Hinsicht verändert.

 

Was hat all das nun mit Unternehmen und Unternehmern - auch in der Region Vorpommern - zu tun? Viele Unternehmer - insbesondere im handwerklichen und gewerblichen Bereich - zählen, ebenso wie ich, zur Generation der Baby Boomer (1960er Geburtsjahrgänge). Einerseits nimmt man das Phänomen Digitalisierung durch Berichte in den Medien wahr. Die meisten Menschen haben ja auch mittlerweile ein Smartphone und einen Internetzugang. Auf der anderen Seite trifft die Überraschung, wenn man unmittelbar mit der Digitalisierung konfrontiert wird - ähnlich wie meinen Freund aus Frankfurt oder die Verwandten eines erwachsen werdenden Kindes - mit spürbarer Wucht. Einige Unternehmer haben die Chancen der Digitalisierung frühzeitig erkannt. Viele Unternehmen haben diesen Wandel bislang aber ignoriert. Digitalisierung bedeutet nicht, eine Homepage und eine e-Mail- Adresse zu haben.

 

Es geht vielmehr darum, alle Prozesse und Berührungspunkte mit Kunden zu analysieren und - soweit sinnvoll - das eigene Geschäftsmodell in relevanten Bereichen digital neu zu gestalten. Drei alltägliche Beispiele: Termine beim Arzt online vereinbaren, Wareneinkauf und Bestellungen im lokalen Supermarkt über das Internet vornehmen, Tischreservierung im Restaurant über eine App. Sie werden sagen: „Gibt es doch schon.“ Das stimmt. Aber nur vereinzelt. Und gerade diese Unternehmen, die entsprechende Strukturen geschaffen haben, sind in der Regel erfolgreicher als andere. Die Generation Z ist jene, die zukünftig die Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen prägen wird. Die „analogen“ Baby Boomer verlieren an Bedeutung für viele Wirtschaftszweige. Unternehmer müssen sich mit ihren Angeboten und Leistungen auf diese neue Zielgruppe einstellen. Der Gründer und Tech-Investor Frank Thelen forderte neulich in einem Interview, Kinder müssten lernen, wie Elon Musk (Tesla) und Jeff Bezos (Amazon) zu denken. An der Fakultät für Wirtschaft lehren und forschen wir im Bereich der Digitalisierung. Unternehmer aus der Region sind eingeladen, sich an diesem Prozess zu beteiligen. Wäre der Gedanke, dass der nächste Tech-Champion nicht aus Kalifornien, sondern aus Stralsund kommen könnte, nicht faszinierend?